Biketour «Livignasco»

 Die ersten Höhenmeter habe ich schon hinter mir als ich mal eine Pause auf gut 2'000m einlege und die Kamera rausnehme: Hier der Blick zurück im Tal, welches am Ende nach Livigno führt. Meine Aufstiegsstrecke führte mich vor allem rechts am Wald hoch hier im Bild... [Nikon D90 war im Rucksack dabei]

Die letzten Tage habe ich wieder mal im schönen Engadin verbracht, wobei sich das «schön» primär auf die Landschaft und diese Tage weniger auf’s Wetter bezieht. Am Donnerstag wollte ich eigentlich eine Biketour machen, doch war der Wetterbericht (viel Regen, teils heftige Gewitter) so schlecht, dass ich davon absah. Als ich dann gut ausgeschlafen nach draussen blickte, war tolles Bikewetter bei trockenen Verhältnissen.

Bis am Abend zeigte sich sogar noch ab und zu die Sonne – doch war der Tag für mich gelaufen was das Biken betraf und so ging’s auf eine kleine Wanderung in’s «Val Roseg». Am späteren Abend kam dann der Regen und die Aussichten für Freitag waren auch nicht gerade gut, mindestens nicht bis am frühen Nachmittag. Nochmals sollte es mir aber nicht so ergehen, dass es dann doch gut gewesen wäre. Ich entschied mich also, gestern Freitag früh nach Scuol zu gehen, dann per Bahn/Bus nach Livigno zu verschieben und den zweiten Teil des Nationalparkmarathons noch zu fahren, die sogenannte «Livignasco»-Strecke.

In Scuol am Morgen mit dem Auto angekommen, war ich noch guten Mutes, denn die Sonne drückte richtig durch die Wolken und die Strassen im Unterengadin waren sogar trocken *hoffnungkamauf*. Kurz nach dem Umstieg von der Bahn auf das Postauto bei Zernez, mussten der Chauffeur bald die Scheibenwischer aktivieren… Ja, der Regen war da. In Livigno erwartete mich dann graues, nasses, kaltes Wetter – nicht gerade die Motivation für die anstehenden 70 km Bike fahren. Aber aufgeben? Ne!

Ich strampelte also noch kurz durch’s Städtchen (1’810m) und startete dann meine Tour vom offiziellen Start aus für die hier startende kürzere Strecke des Marathons. Den ersten Teil hatten wir im Juni ja schon gefahren («Nationalpark, Scuol – Livigno»), wo auch das Wetter (Schnee) uns einen Strich durch die Rechnung machte. Irgendwie war das Wetter noch immer gleich… Aber, Regenjacke anziehen und auf geht’s!

Nur kurz auf Asphalt unterwegs, war bald Schotter der hauptsächlich Untergrund und natürlich entsprechend laufend mit Pfützen bestückt. Die ersten Kilometer führten stets langsam nach oben, oberhalb Livigno fuhr ich dann Richtung Tal hoch. Der eine oder andere Höhenmeter liess meinen Puls aber schon rasch steigen und irgendwie fühlte ich mich nicht top fit, sondern empfand meine Beine eher als müde (zuviel gewandert gestern?).

Im Tal ging’s dann stets bergauf, schliesslich mussten einige Höhenmeter überwunden werden. Der Regen war mal weniger, mal wieder stärker – aber stets ein Begleiter. Ein paar wenige Wanderer traf ich, zwei Biker kamen wir auf dem Trail entgegen. Trotz Nebelwolken war’s aber ein herrlicher Ausblick im Tal und schliesslich war dann bei «Pian Dei Morti» (2’060m) erst das flachste Stück des Aufstiegs absolviert.

Bald hiess es rechts abbiegen und schon der Blick nach oben lässt meine Beide zusätzlich ermüden: Steil, steiler, «Chaschauna»… Erst ein steiler Schotterpfad, der eigentlich nur ein Wanderweg ist, später dann noch reine Schiebestrecke über 1km steil aufwärts. Die ersten Meter fuhr ich, entschied mich aber rasch schon früher zu schieben, da auf dem nassen Untergrund die Traktion einfach schlecht war… 2km können also sehr lange sein und gut 910 Höhenmeter am Stück absolut qualvoll bei strömendem Regen und kalten Temperaturen.

 Hier die Strecke «Livignasco» im Überblick. Parkiert hatte ich ihn Scuol am Bahnhof und bin dann mit den ÖV nach Livigno/IT gereist (knapp 1,5h) und dort offiziell gestartet...Nach knapp 2 Stunden, 10km und ~900 Höhenmetern am Stück, hatte ich ein erstes Ziel erreicht, die Berghütte beim «Chaschauna». Entsprechend hier im «Rifugio Cassana» machte ich mal eine Rast. Zwei deutsche Wanderer hatten sich ebenfalls hier her verirrt. Freundlich wurde ich begrüsst, konnte all meine durchnässten Sachen vor einem Ofen aufhängen und setzte mich dann in den Essraum, ebenfalls vor einen wärmenden Ofen. Spaghetti und Cola, wie die Werbung beim Aufstieg schon schmackhaft machte, wurden dann zur Stärkung genommen. Wenig später kamen noch zwei deutsche Biker hinzu, welche den Aufstieg von «S-chanf» her fuhren (liefen) und ebenfalls von Regen und Dreck gezeichnet waren… Sie meinten dann, dass die ersten Kilometer auch abwärts absolut unfahrbar sind, gleich nach dem Pass. Schöne Aussichten für meine Abfahrt… Also wurde noch einiges an Zeit an der Wärme verbracht, getrunken und Geschichten und Biketouren ausgetauscht… Die Zeit verging und nach 1,5 Stunden hiess es für mich aufbrechen, die fast trockenen Kleider wieder anziehen und los fahren, ein paar Höhenmeter noch und der Pass «Chauschana» (2’694m) ist erreicht. Der Regen war auch schon da…

Immerhin, der höchste Punkt war erreicht, die Hälfte meiner Höhenmeter absolviert, aber fast 60km lagen noch vor mir bis nach Scuol. Also kurz ein Foto auf dem Pass gemacht und dann den Abstieg in Angriff genommen, den von Abfahrt war bald nicht mehr die Rede. Der Singletrail war eigentlich ganz toll, doch tief ausgewaschene Furchen, viel Wasser und abgeschwemmte Steine waren zu viel für meine Bikekünste. Es war so rutschtig, dass selber das Laufen eine Herausforderung war ;-)

Nach vielleicht gut einem Kilometer war’s dass dann aber mit Bike nach unten schieben: Der Singletrail war nun ein Traum und es ging rasant hinunter, auf Schotter, Dreck und durchnässten Wiesen, an weidenden Kühen und rauschenden Bächen vorbei. Seit meiner Kindheit hatte ich wohl nicht mehr so viel Dreck im Mund, doch irgendwann ist’s einem egal und ich hatte sogar Spass an all den Pfützen und wich nicht mehr jeder aus… Der zweite Teil des Trails führte auf Waldwegen quer durch die Wälder und machte echt Spass. Nach einer Stunde war ich dann oberhalb von «S-chanf» (1’665m) angekommen. Leider den Abzweiger verpasst und so schon ein wenig zu weit gerauscht mit meinem Schwung.

Nun standen gut 25km relativ einfache Strecke vor mir, mehrheitlich abwärts bis «Lavin» (1’387m), dazwischen jedoch immer wieder mit ein paar Anstiegen gespickt. Die Streckenplaner waren fies und oft hätte es eine tolle Alternative gegeben, doch man entschied sich stets für die Umfahrung, wo’s nochmals ein paar Höhenmeter zu absolvieren gab. Zum Beispiel bei «Zernez» ist die Route doch ziemlich fies gewählt, dafür kann man den Ausblick auf’s Dorf noch geniessen, statt nur unten durch zu fahren ;-) Zwischendurch erfreute ich mich nun sogar ab trockenen Abschnitten und teilweise schien die Sonne durch die Wolkendecke – allerdings stets auf der anderen Talseite…

Nach ca. 1,5h bin ich in «Lavin» (1’387m) angekommen, ich nahm’s «eher» gemütlich, denn ich wusste, nun geht’s wieder stets hoch auf den nächsten fast 20km. Durch die schönen engadintypischen Dörfer und auf guten Schotterpisten (kurz mal auf einem Radweg) war dies trotz des Aufstiegs eine schöne Strecke. Letztes Mal («Grenzerfahrung») fuhr ich dies bei Dunkelheit und so konnte ich es gar nicht geniessen.

In «Ftan» (1’700m) kam ich dann aber ziemlich erschöpft und gekennzeichnet vom Wetter an und freute mich auf die letzten Kilometer wo nun die Höhenmeter wieder vernichtet werden konnten. Doch auch hier, hatten die Routenplaner wieder die fiese Strecke gewählt: Es ging erst noch höher hinauf und das obwohl der eigentliche Wegweiser nach «Scuol» auf der anderen Seite runter zeigte… *fluch* Bald war’s aber soweit und erschöpft und ging’s die zum Glück technisch eher einfache Abfahrt zum Bahnhof von «Scuol» (1’201m) hinunter. Allerdings gab’s auch hier nochmals eine fiese kleine Steigung als Zusatzschlaufe der Planer…

Nach gut 6h Fahrzeit, 72km Strecke,ca. 1’810 Höhenmetern in den Beinen und gut 6’400 verbrannten Kalorien war ich komplett durchnässt und stehend vor Dreck, auch im ganzen Gesicht, am Ziel angekommen! Nun ging’s erstmal das Bike waschen und dann mich in der neuen Bahnhofstoilette – die Touristen staunten nicht schlecht ab meinem Chaos da drin ;-) Aber es klappte und wieder sauber, erschöpft aber glücklich ging auch diese Tour zu Ende. Für den eigentlichen Marathon bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Schaffe ich die ganze Strecke wirklich in ca. 11 Stunden? Ich muss auf diesem Streckenteil mehr als eine Stunde rausholen und es wird keine Pausen geben, ich habe da bereits so viel schon in den Beinen… Naja, es bleibt noch ein wenig Zeit, weiss, dass ich dann ohne Rucksack fahren kann und hoffentlich besseres Wetter herrscht sowie die anderen Teilnehmer und Zuschauer motivieren! Ich freu mich, auch wenn gewisse Zweifel aufkommen, doch Herausforderungen sind da um sich deren zu stellen ;-)

Logo Nationalpark Bike-MarathonBei der hier gefahrenen Tour handelt es sich um die offizielle Strecke «Livignasco» des Nationalpark Bike-Marathons. Die entsprechenden GPS-Daten können direkt auf deren Seite bezogen werden – einfach den Link anklicken und unter «Strecke / Karte / Höhenprofil / GPS-Daten» finden sich sämtliche Streckeninfos. Viel Spass!

2 Gedanken zu „Biketour «Livignasco»“

  1. Einfach sehr gut einteilen! Am besten so, dass du nach dem Chaschauna das Engadin runter noch etwas Reservé locker machen kanst. Ich bin das Rennen (grosse Strecke) mehrmals gefahren und bin von der Runde begeistert. Hoffe, du hast gutes Wetter. Das macht schon viel aus. Dann bin ich mal gespannt auf deinen Bericht.

  2. Vor grauer Vorzeit war ich schon mal auf diesem Blog und habe nun dank Rotscher zurück gefunden. Hier ist ja Bike-mässig einiges los! Gratulation zum hervorragenden Design dieses Blogs. Da macht das Lesen Spass… Ich werde nun öfters mitlesen.

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